Upcycling als zirkuläre Strategie
Circular Economy, Zirkuläre Wirtschaft: das scheint heute ein Label, das auf fast allem klebt. Der Schärfung dieses Begriffs und der Verortung von Upcycling im Modell des zirkulären Wirtschaftens soll dieser Artikel dienen.
Begriffsklärung
Für Upcycling gibt es ebenso vielfältige Definitionen wie es Facetten hat. Hier soll darunter etwas enger gefasst, Folgendes verstanden werden: Produkte oder deren Teile, die im üblichen Konsumverkehr ihren Wert verloren haben und als Abfall zählen, werden zu neuen Produkten und erlangen dabei wieder Wert. Upcycling betreibt die Nachnutzung von etwas, was zu seinem bisherigen Zweck nicht mehr taugt. In diesem Sinne ersetzt Upcycling durch kreative Zweckentfremdung herkömmliche Rohstoffe durch scheinbar wertlose Sekundärprodukte. Im Upcycling fallen also die Verwendung von „Müll“, Produktdesign und -Herstellung zusammen.
Im Zentrum der Circular Economy (CE) steht, wie soll es auch anders sein, ein Kreislauf:
Es handelt sich um ein Wirtschaftsmodell, in dem Ressourcen durch Wieder- und Weiterverwendung möglichst lange im Kreislauf zirkulieren mit dem Ziel den höchsten Nutzen und Wert zu erhalten und sowohl Abfall und Emissionen (Stoffverluste) als auch den Einsatz von neuen Primärrohstoffen (Rohstoffeinsatz) auf ein Minimum zu reduzieren. Die Ellen MacArthur Foundation fasst als die drei Prinzipen zusammen:
Als Handlungsstrategien wurden in diesem Kontext die „9 Rs“ als Schlagworte geprägt:
REFUSE - RETHINK - REDUCE - REUSE - REPAIR - REFURBISH - REMANUFACTURE - REPURPOSE - RECYCLE
Die Verortung von Upcycling in der Circular Economy
Geht man nach der oben bemühten Definition von Upcycling, lässt es sich als Handlungsstrategie am ehesten „Repurpose“ zuordnen. Deloitte und der BDI haben das zusammenfassend als „Nutzung eines nicht mehr benötigten Produkts oder seiner Einzelteile für neue Produkte mit anderen Funktionen“ (1, S.30) definiert. Sie haben in diesem Diagramm die 9 Rs im Lebenszyklus von Produkten zugeordnet:
Diese Darstellung verortet „Repurpose“ alleinig in der Nutzungsphase. Sieht man im Upcycling, wie weiter oben vorgeschlagen, einen umfassenderen Prozess aus Verwertung, Design und Herstellung, kann es als Handlungsstrategie im zirkulären Wirtschaften die Brücke zwischen mehreren Phasen schlagen.
Eine andere prominente Darstellung der Funktionsweise der Circular Economy findet sich im sogenannten „Schmetterlingsdiagramm“ der Ellen MacArthur Foundation:
Hier ist „Repurpose“ nicht explizit erwähnt. Betrachtet man jedoch die einzelnen Kreise der technischen Sphäre (rechter „Flügel“ in blau), so kann Upcycling im zweiten und dritten Kreis von Innen verortet werden. Die Upcycling-Rohstoffe verlieren nicht erst im Recycling an Wert, um unter erheblichem Aufwand zu Primärprodukten reduziert und dann wieder zu Teilen verarbeitet zu werden. Durch die Umwandlung zu neuwertigen Produkten werden die bereits im Ursprungs-Produkt gebundenen Ressourcen (Material, Zeit, Energie und Arbeitskraft) erhalten. Im „Schmetterlingsdiagramm“ rücken sie also durch Upcycling in einen engeren Kreis zurück, statt sich der Nutzungssphäre in einem äußeren Kreis weiter zu entfernen. Im wahrsten Sinne des Wortes Up-Cycling. Es beginnt ein neuer Lebenszyklus in anderer Form ohne den Umweg des Downcyclings zu Primärrohstoffen.
Das Ende des Upcycling
Legt man den Ansatz der Circular Economy in allen Lebensphasen von Produkten zugrunde, rückt in der Literatur das Produktdesign an sich in den Vordergrund: „Obwohl bis zu 80 % der Umweltauswirkungen von Produkten ihren Ursprung in der Designphase haben‚ bietet das lineare Muster der Wegwerf-Gesellschaft den Herstellern keine ausreichenden Anreize, ihre Produkte kreislaufgerechter zu gestalten“ (4, S.3). Unter einer kreislaufgerechten Gestaltung wird in der Regel eine ganze Reihe von Kriterien verstanden:
- Geringer Materialeinsatz verringert den Rohstoffbedarf und das Transportgewicht sowie -Volumen
- Langlebigkeit, Reparierbarkeit, Veränderbarkeit hält die Produkte längstmöglich in der ersten Nutzungsphase. Daran schließen sich Systeme des Teilens und Weitergebens an.
- (zerstörungsfreie) Demontierbarkeit zur getrennten Wiederverwendung oder -Verwertung der Einzelteile
- Auswahl unschädlicher und 100% recyclingfähiger Materialien: Wenn das Ende des technischen Lebenszyklus doch einmal erreicht wird, soll das Produkt oder dessen Teile entweder vollständig zum eigenen Rohstoff recycled werden oder in den biologischen Kreislauf als Nährstoff eingehen können
- Ergänzend wird u.a. eine alternative Vertriebsstrategie vorgeschlagen: „Produkt als Dienstleistung“, d.h. Produkte bleiben im Besitz der Hersteller*innen, werden den Nutzer*innen vermietet und am Ende der Nutzung zurückgenommen. Die Hersteller*innen werden für „Abfall“ mehr in Verantwortung genommen. Entweder wird das Produkt dann von jemand anderem weiter genutzt oder wieder zu neuwertigem Produkt aufbereitet. Das bringt Anreize, Produkte so langlebig, leicht reparierbar,... eben so kreislaufgerecht zu designen wie nur möglich.
Die Nachnutzung am Ende einer langen Lebensdauer soll im Design bereits vorgesehen sein. Eine konsequente Anwendung dieser Kriterien in der Produktion von Konsumgütern würde Upcycling schlussendlich obsolet machen.
Kein Grund, Upcycling nun bleiben zu lassen!
"We believe that the most sustainable materials in the world are the ones that already exist." (5)
Wie oben festgestellt, leistet Upcycling einen wertvollen Beitrag zu den bestehenden zirkulären Strategien: Ressourcen bleiben beim höchstmöglichen Wert (länger) erhalten!
Das KnowHow, das aus den zweckentfremdenden Experimenten entsteht, bildet darüber hinaus eine Art Innovationspool für die „Substituierungsmöglichkeiten“ von Primärrohstoffen durch Sekundärrohstoffe. Insbesondere wenn aus Einzelstücken serielle skalierbare Produktionskreisläufe gestaltet werden können. Das zukünftige industrielle Produktdesign kann vom Upcycling einiges lernen.
Und schlussendlich: Warum legt das Upcycling-Design nicht gleich die Kriterien für kreislaufgerechte Gestaltung an seine eigenen Produkte an? Warum denkt es das Upcycling der Upcyclingprodukte selbst nicht gleich schon beim Design mit? Warum nicht „Upcycling-Produkte als Dienstleistung“ anbieten?
Diesen Fragen gehe ich im nächsten Blog-Beitrag „Upcycling Plus“ etwas weiter nach.
Quellen:
(1) Deloitte/BDI 2001: Zirkuläre Wirtschaft. Abrufbar: https://www.deloitte.com/de/de/issues/sustainability-climate/zirkulaere-wirtschaft-studie.html
(2) Ellen MacArthur Foundation 2024: What is a circular Economy? Abrufbar: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/topics/circular-economy-introduction/overview
(3) Ellen MacArthur Foundation 2019: The butterfly-diagram. Abrufbar: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/circular-economy-diagram
(4) Europäische Kommission 2020: Ein neuer Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft. Für ein saubereres und wettbewerbsfähigeres Europa. Abrufbar: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52020DC0098
(5) Revival Project 2025: FIRST DO NO HARM—THE REVIVAL MANIFESTO. Abrufbar: https://revivalprojects.com.au/About-Manifesto