Upcycling und Wegwerf-Gesellschaft
Auf den Müllhalden, auf dem Sperrmüll, auf den Straßen: Das Wegwerfen von Dingen, die (uns) nichts mehr wert sind, ist selbstverständliche Realität. Upcycling, die Weiterverwendung von Produkten, die für ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr taugen in einem neu-wertigen anderen Produkt, versucht dieser Wegwerfkultur entgegen zu steuern.
Buy less, waste less!
Unsere Kultur basiert auf der kapitalistischen Produktionsweise und seiner linearen Struktur: Produzieren, Verkaufen, Nutzen, Entsorgen. Die Produktion von Waren hat im Kapitalismus vor allem einen Zweck: Profit. Das Produkt-Design zeichnet sich dementsprechend eher weniger dadurch aus, den Bedürfnissen von Individuen und Gesellschaft zu entsprechen als dadurch, dass die Waren eine kurze Lebensdauer haben, schwer bis gar nicht zu reparieren oder an neue Anforderungen anzupassen sind. Es sollen ja regelmäßig neue Produkte gekauft werden!
„Fast-Furniture“ sind dabei nur scheinbar günstiger. Der Einzelpreis ist zwar erschwinglicher, rechnet man jedoch deren mangelnde Haltbarkeit und Anpassungsfähigkeit mit ein, relativiert sich dieser scheinbare Vorteil. Mehr noch, rechnet man die indirekten Kosten wie den CO2-Abdruck dazu.
Dementgegen entzieht das Upcycling den scheinbar wertlos gewordenen Müll dem Kreislauf der absatzorientierten Produktion. Statt Müllbergen entstehen aus den in Containern und auf dem Sperrmüll zugänglichen Rohstoffen nachhaltige und langlebige Gebrauchsgegenstände.
Aus A mach B … oder C, oder D
In der Regel bestimmt Produkt-Design die ästhetische Gestaltung, die technischen Eigenschaften und nicht zuletzt den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Waren. Die Gegenstände verlieren ihren Wert, sobald sie kaputt gehen und zu ihrem vorgegebenen Zweck nicht mehr taugen. Dabei versperrt die limitierte Vorgabe des Bestimmungszwecks die Sicht auf die objektiven Möglichkeiten und Potenziale der Waren und Rohstoffe. Eine Tür ist und bleibt eine Tür - sonst nichts.
Die Zweckentfremdung des Upcyclings wehrt sich gegen diese einseitige Vorschrift, was mit den Produkten, wann zu tun ist und was sie bedeuten. Sie weigert sich, auf reine Empfänger*in einseitiger Vorgaben reduziert zu werden. Diese Erfahrung der Selbstermächtigung stellt eine Rückgewinnung der Souveränität über die subjektive Bedeutung der Dinge dar.
Wer sagt, dass eine alte Tür kein neuer Schrank oder eine Werkbank sein kann?
Gegen den Trend
Der vereinheitlichende Massenkonsum hat trotz der scheinbaren Vielfalt nicht viel mit individuellen Bedürfnissen und Ausdruck zu tun. Statt dessen bekommen die Waren einen einheitskulturellen Wert, der von den Design- und Marketingabteilungen ständig im Wandel gehalten wird. Was heute „In“ ist, ist morgen wieder „out“. Und wer will schon out sein? Die kulturelle Bewertung der Waren verleiht ihnen die Funktion sozialer Repräsentanz. Ihr Besitz gibt Aufschluss über die soziale Stellung (Bildung, verfügbares Einkommen, soziales Milieu, kulturelle Prägung,…).
Verliert ein Produkt an Aktualität, weil eine neuere Version geschaffen wurde, eine andere Mode in die Welt gesetzt wurde oder das Produkt aufgrund kultureller Veränderungen anderweitig nicht mehr zur Repräsentanz taugt usw. verliert es auch diesen Status-Wert. Das Rad der profitablen Wegwerfkultur dreht sich weiter.
Upcycling bringt einen anderen Maßstab für den kulturellen und sozialen Wert von Produkten auf die Tagesordnung: Ressourcen bewahren, Müll reduzieren, Planeten retten. Das ist „In“. Hoffentlich dauerhaft!
Aus dem ausgedienten und sorglos abgerissenen Produkt von gestern (hier: Kachelofen) wird ein neuwertiges zum Bleiben (hier: nachhaltiger Couchtisch).